Jean Gebser und der Weg ins integrale Bewusstsein (Artikel in Tattva Viveka)

Jean Gebser und der Weg ins integrale Bewusstsein

Und es will vieles werden

Die Entwicklung der Menschheit

Autor: Marina Stachowiak
Kategorie: Bewusstsein
Ausgabe Nr: 79

Jean Gebser ist der Begründer der Entwicklungsstufen des kollektiven Bewusstseins. Er unterscheidet fünf Stufen: die archaische, die magische, die mythische, die mentale und die integrale. Das komplexe Werk von Gebser wird hier anschaulich und kongenial zusammengefasst. Die Menschheit ist vorwiegend in der mentalen Stufe, die jedoch schon Verfallserscheinungen zeigt. Es ist nun notwendig, kollektiv in die integrale Stufe einzutreten.

Dass wir momentan in einer Zeit des Bewusstseinswandels leben, wird inzwischen von vielen Menschen gesehen.

Allein die großen globalen Probleme wie beispielsweise der Klimawandel, die toxischen Belastungen von Luft, Wasser und Erde reichten aus, um die absolute Dringlichkeit eines notwendenden Wandels zu bekräftigen. Die Chaos- und Zerstörungsprozesse in der Welt häufen sich zusehends und zeugen von jener tiefgehenden Wandlung, die sich vor unseren Augen und auch in unserem Inneren abspielt.

Jean Gebser und der Weg ins integrale Bewusstsein
Jean Gebser

Angesichts der Weltlage stellen sich vorrangig zwei Fragen, nämlich was dazu geführt hat, und wie ein Wandel möglich ist. Auf diese Fragen hat der Bewusstseinsforscher Jean Gebser Antworten gefunden, die uns zu einer ganz neuen Menschen- und Weltsicht führen. In seinem Hauptwerk Ursprung und Gegenwart legt Gebser offen, dass wir uns momentan in einer Umbruchphase befinden, in der sich unsere bislang gegebene Bewusstseinsstruktur erschöpft und sprunghaft in eine neue Struktur mutiert. Er spricht vom heutigen Chaos, der zunehmenden Maßlosigkeit, vom Umgang mit der Natur und der Erde, von der Zunahme technologischer Entwicklung, die mit der Abnahme des menschlichen Verantwortungsbewusstseins einhergeht, sowie von der Vereinzelung oder Vermassung des Individuums und der großen psychischen Not, die überall herrscht, und er sieht alle diese Anzeichen als deutliche Hinweise auf diesen Bewusstseinswandel.

Gebser verfasste sein Werk zwischen 1949 und 1953 und hat das, was gerade weltweit geschieht, bereits vor über einem halben Jahrhundert vorausgesehen. Mit eindrücklichen Beispielen aus den verschiedenen Wissenschaftsbereichen wies Gebser ein Strukturmodell des menschlichen wie menschheitlichen Bewusstseins nach, das gerade heute von aktueller Bedeutung ist.

Der mythische Mensch

Für einen solchen innerlichen Prozess ist die Wahrnehmung der Zeit als Qualität und Intensität, als Umfassendes entscheidend, da sie ihrem Wesen gemäß integraler Natur ist. Denn war das große Thema der mentalen Struktur der Raum, so ist das große Thema der integralen Struktur die Zeit. Dies können wir an der heute so verbreiteten Zeitnot, ja Zeitangst erkennen, von der Gebser sagt, dass sie eine Projektion ist und dass es darum geht, diese Projektion zu erkennen und zurückzunehmen, damit uns die Zeit als eine umfassende und umfangende Qualität bewusst werden kann.

Die Entwicklung der Menschheit

In der integralen Wahrnehmung wird uns mit der äußeren Erscheinungsform, die stets räumlich fixiert ist, auch ihre innere Wesensqualität bewusst, die geistiger Natur ist und folglich mit dem Ganzen verbunden ist. Auf unsere Persönlichkeit, auf unser Ich bezogen, das unsere äußere Erscheinungsform, also ein Bewirktes ist, bedeutet dies, dass wir uns unserem inneren Wesenskern, dem Sich, das ein Bewirkendes ist, und damit geistiger Natur und mit dem Ganzen verbunden, öffnen müssen. Es ist also unsere gegenwärtige Aufgabe, dass wir uns mehr und mehr von unserem Ich distanzieren, das nur vorübergehender Natur ist, und uns dem eigentlichen Kern unseres Daseins öffnen.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Marina Stachowiak beschreibt in diesem Artikel, die verschiedenen Entwicklungsstufen des Bewusstseins, die von Jean Gebser erfasst wurden, um den Menschen eine Karte der Bewusstseinsprozesse übergeben zu können mit dem Ziel der kollektiver Transformation und Bewusstwerdung..

Die vollständige Fassung lesen Sie in der Tattva Viveka 79. Auch für 2,00 € als ePaper erhältlich (Pdf, 10 Seiten).

Paracelsus – Hermetiker, Philosoph, Alchemist und Arzt an der Schwelle zur Neuzeit

Paracelsus – Hermetiker, Philosoph, Alchemist und Arzt an der Schwelle zur Neuzeit

Paracelsus

Hermetiker, Philosoph, Alchemist und Arzt an der Schwelle zur Neuzeit

Für Paracelsus (1493/94 – 1541) war der Kosmos ein Ganzes und geistig beseelt. Als Arzt war ihm das Studium der Natur wichtige Voraussetzung dafür, die Ursachen von Krankheiten zu finden und sie durch die entsprechenden Arzneien zu heilen.
Sein höchstes Ziel war es, den Menschen wieder mit den kosmischen Kräften in Einklang zu bringen, denn der Mensch galt ihm als Mikrokosmos und Teil des Makrokosmos.
Er hinterließ ein 10-bändiges Werk, das erst nach seinem Tod erschien. Als Alchemist stellte er eine Reihe von Medikamenten her, die er in abgestufter Anwendung verabreichte, und er wurde damit zum Wegbereiter der modernen Pharmakologie. Er beschrieb mehr als zehn neue chemische Elemente, kannte die verschiedenen Oxydationsstufen etlicher Gifte und heilte Elephantiasis, Lues, Syphilis und Pest.
Ist es nicht erstaunlich, dass sich heute viele Apotheken und Kliniken nach ihm benennen?

Institut für integrale Bewusstseinsbildung (Herausgeber)
© temporik-art Verlag Reinheim, 2019
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag- und Satzgestaltung: Andreas Stachowiak
Druck: Druckerei Berg, Reinheim
Titelbild: Paracelsus nach einem Gemälde von Quentin Massys
(1466 – 1530)

ISBN978-3-945904-11-4
8,00 €

Rezension: Doris Wolf: Es reicht – 5000 Jahre Patriarchat sind genug

Rezension: Doris Wolf: Es reicht – 5000 Jahre Patriarchat sind genug

Das Priarchat: die Wurzel allen Übels


Das neuste Buch von Doris Wolf ist – wie bereits schon ihre vorangegangenen – ein aufrüttelndes Buch bezüglich der Aufdeckung patriarchaler Machenschaften in den Wissenschaften, den monotheistischen Religionen, der Verherrlichung von Kriegen, des weltweiten Imperialismus und der Ausbeutung, Unterjochung und Versklavung sowie der Ausrottung ganzer Völker.
Bis heute wird die gängige durch Altertumswissenschaften – wie etwa der Archäologie oder Ägyptologie – vertretene Meinung propagiert, dass es schon immer – seit Menschen existieren – Kriege gegeben hat und dass der Krieg scheinbar von Natur aus zum menschlichen Dasein gehört. Doris Wolf beweist durch viele angeführte Studien und Untersuchungen, dass sich das Neolitikum keineswegs als von der patrizentrischen Wissenschaft propagierte „Jäger- und Sammlerkultur“, sondern als eine friedliche matriarchale Ordnung nachweisen lässt. Eine Ordnung, in der das Leben spendende Mütterliche und Fürsorgliche im Vordergrund menschlichen Zusammenlebens stand und Frauen und Männer in gleicher Weise geachtet wurden. Einhergehend mit der Erfahrung, dass neues Leben von Müttern hervorgebracht wird, ehrten und achteten die Menschen der vorgeschichtlichen Zeit die große Urahnin, die alles Leben hervorgebracht hat und hervorbringt: Mutter Erde (wie wir unseren derzeit sehr gefährdeten Planeten heute immer noch nennen!). Symbole für diese heilige Mutter wurden weltweit gefunden und von der patriarchalischen Wissenschaft als „Pfeile“ gedeutet (vergl: Doris Wolf: Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit).
Auch das patrizentrische Vorurteil gegenüber den steinzeitlichen Kulturen, dass sie unkultiviert und chaotisch waren, widerlegt Wolf. So geht sie etwa auf die schöpferischen Qualitäten ein, die sich vor der patriarchalischen Machtübernahme durch indoeuropäische Horden in jenen matrilinearen Kulturen nachweisen lassen, so etwa in der Keramik oder den Höhlenmalereien. Auch die sensationellen Kenntnisse in der Heilkunde, etwa in der Gynäkologie oder im Verständnis davon, inwiefern bestimmte körperliche Geschehnisse vom Gehirn gesteuert werden, benennt sie und belegt damit einen nicht geahnten Fortschritt in wissenschaftlicher Hinsicht.
Es ist ein Buch, das alle diejenigen interessieren wird, die selbst zu denken und selbst wahrzunehmen bereit sind und sich nicht auf die gegebenen und in der Regel bewusst von „Oben“ gesteuerten Medieninformationen und gewisse „Bestseller“ verlassen möchten. Es ist kein „schönes“ Buch, durchaus nicht! Es ist durch die vielen Informationen und Beispiele, insbesondere bezüglich sexueller Gewalt, beispielsweise der männliche Vorhautbeschneidung, die in den monotheistischen Religionen des Judentums und des Islam bis heute durchgeführt wird und den Genitalverstümmelungen bei Mädchen (die auch heute noch als „Pharaonische Beschneidung“ bezeichnet und immer noch in etlichen Ländern durchgeführt werden) ein insgesamt grausamer Bericht. Diese Verstümmelungen wurden von den patriarchalischen Machthabern, die Ägypten und Mesopotamien vor 5000 Jahren überfielen, eingeführt und haben immer noch Bestand! Menschen – Kinder – die solchen barbarischen Verstümmelungen ausgesetzt werden, haben jegliches Vertrauen zu ihren engsten Mitmenschen, ihren Müttern und Vätern verloren. Nur grausam und unmenschlich! Die psychischen und körperlichen Folgen für die so verstümmelten Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männer sind den meisten Menschen gar nicht bekannt.
Sehr einleuchtend und in meiner eigenen Arbeit mit Menschen immer wieder präsent sind Wolfs Hinweise darauf, wie sich Traumatisierungen durch Krieg, Verstümmelungen und Vergewaltigungen noch nach Generationen als traumatische Folgen im Bewusstsein der Nachkommen aufzeigen lassen. Wolf macht darauf aufmerksam, dass wir die Geschichte der Menschheit in uns tragen, keine Frage, sondern eine Feststellung, die in jedem einzelnen Bewusstsein eines Menschen nachprüfbar und beweisbar ist.
Für Hochsensible empfehlen sich gewisse Pausen bei der Lektüre dieses außerordentlichen Buches. Aber gerade für diese scheint es mir absolut wichtig.

Marina Stachowiak, Institut für integrale Bewusstseinsbildung, Reinheim bei Darmstadt. Autorin von u.a.: Non est deus. Der Narr und das Ich. Über das syphilitische Bewusstsein der Neuzeit (2018) und : temporik-art. Die schöpferische Bewusstseinsgestaltung vor dem Hintergrund der integralen Theorie Jean Gebsers (2017)

Ursula Wirtz: Stirb und werde. Die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen

Ursula Wirtz: Stirb und werde. Die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen

Rezension, 23.11.2018 Ursula Wirtz: Stirb und werde. Die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen

Die Spirituelle Dimension

Neben dem bisher Gesagten möchte ich besonders zwei zentrale Gesichtspunkte in diesem genialen und tiefgängigen Buch aufgreifen: Die spirituelle Dimension, die traumatischen Erfahrungen innewohnt (Kap. 3) und jene Ursachen von Gewalt, insbesondere sexueller Gewalt, die auf der Missachtung und Unterdrückung des Weiblichen in unseren Seelen beruht.

In ihren abschließenden Gedanken schreibt Ursula Wirtz, dass sie versucht, einen Paradigmenwechsel in der Traumaforschung vorzustellen, „der auf die Möglichkeit psychospirituellen Wachstums nach traumatischen Erfahrungen verweist und in der Überzeugung wurzelt, dass der Dunkelbereich der prima materia, das »Herz der Finsternis«, auch zu einer schöpferischen Quelle werden kann.“ Das ist ihr auf einfühlsame und tiefgehende Weise gelungen.

Im Hinblick auf Spiritualität distanziert sich Wirtz von institutionalisierter konfessioneller Religion indem sie sich auf „den auf Erfahrung gründenden Kern des Religiösen bezieht“. Denn, so Wirtz: „Spiritualität bedeutet Verbundenheit mit und Beziehung zu einem umfassenden Letztgültigen von höchstem Wert, aber auch zum Mitmenschen und zur Schöpfung als Ganzem.“ (S. 65) Dabei verweist sie auf Carl Gustav Jungs Rotes Buch und seinen Bezug zur Mystik, insbesondere zu Meister Eckhart, und dann schreibt sie diesen wunderbaren Satz: „Vielleicht braucht unsere Zeit etwas mehr Meister Eckhart“. Im Einverständnis mit Jung distanziert sie sich von dem projektiven männlichen Gottesbild, indem sie jenes mystische Verständnis von Spiritualität in den Vordergrund stellt, dass letztlich jeder Religion zugrunde liegt: „Es wird darum gehen, unsere Projektionen auf Gott zurückzunehmen und uns für die Erfahrung eines unergründbaren Seins, mit dem wir verbunden sind und das sich in uns verkörpert, zu öffnen.“ (S. 67)

Die Bewusstwerdung einer spirituellen Wirklichkeit, wie sie in den mystischen Traditionen angestrebt wird, ist aber nur durch die Überwindung des Ich, durch seine Transzendierung möglich, ein Vorgang, der durch eine tiefe Krise führt. Aber gerade diese Krise dient als Sprungbrett zu jenem Anderen, das erst dann erfahren werden kann.

Der Bezug, den Wirtz zur „psychospirituellen Wandlung“ nach einer Traumatisierung nimmt, ist ausgesprochen einleuchtend. Denn in jedem Trauma steckt eine tiefe Sinnkrise, die für den betroffenen Menschen im Hinblick auf seine weitere Entwicklung ausschlaggebend ist. Nimmt er, was ihm geschehen ist als Potenzial zur Wandlung? Da das traumatische Erlebnis einen Menschen augenblicklich aus seinem Ich und damit seinem bisherigen Blickwinkel auf sich selbst und die Welt herausschleudert, wird ein ähnlicher Zustand geschaffen, wie er auch als spirituelle Krise in den mystischen Traditionen beschrieben ist, eine Art Hadesfahrt. „Diese transnarzisstische Erfahrung geschieht bei einer Traumatisierung völlig unfreiwillig und nicht schrittweise wie auf dem spirituellen Übungspfad. Das Ich wird aus den Angeln gehoben und alles, woran vorher geglaubt wurde, alle Überzeugungen über sich selbst, die Welt und Gott, werden in der traumatischen Erfahrung zerschmettert.“ (S. 71)

Insofern können traumatische Erlebnisse als Schwellenerfahrungen „initiatorisch den spirituellen Raum öffnen und ein Erfassen der Wirklichkeit ermöglichen, das die Ich-Perspektive sprengt und den Sinn des Ganzen wahrnimmt.“ (S. 98) Wirtz versteht eine Traumatisierung als „potenziell transformatorischen Prozess“, der zu einer Neuorientierung und Sinngebung führt, in dem Zerstörung und Reifung komplementär sind. (S. 187)

In diesem Zusammenhang hat es mich sehr gefreut, dass Wirtz die Ergebnisse der Systemwissenschaften und der Quantenphysik aufgegriffen hat. Sie machen uns deutlich, dass Entwicklung eben nicht linear und vorausberechenbar verläuft, sondern sich in Sprüngen vollzieht. Und genau das geschieht auch in unserem Inneren, in unserem Bewusstsein. Auch hier gibt es Phasenübergänge, Bifurkationen und chaotische Zustände, die verunsichern, Angst machen, kaum zu ertragen sind und uns aus allem herauskatapultieren. Aber gerade sie sind es, die aus Zuständen der größten Instabilität, die auch gleichzeitig Zustände der größten schöpferischen Freiheit sind – was der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr immer betonte – aus denen plötzlich und nicht vorhersehbar eine ganz neue und höherwertige Ordnungsstruktur entsteht. Hier liegt begründet, wie überhaupt etwas Neues entsteht und dass der Weg in eine höherwertige Struktur immer durch einen emergenten Wandlungsprozess führt.

Wirtz betont, dass für die Analytische Psychologie weniger der wissenschaftliche als vielmehr der mythologische Kontext von Bedeutung ist, weil er nicht auf der mentalen Ebene angesiedelt ist, sondern ebenso wie das Geschehen in der Psyche – oder auch in der Quantenphysik – mehrdeutig und paradox zu verstehen ist. Diesbezüglich verweist sie auf verschiedene Mythen, in denen die paradox-polaren und mehrdeutigen Kräfte des Weiblichen zum Ausdruck kommen, etwa im „geschändeten Weiblichen“ bei Medusa (S. 59) oder in der „transformativen Kraft der Wut“ bei Kali (S. 54).

„Im Kontext männlicher Gewaltherrschaft über das Weibliche symbolisiert der Mythos das Zum-Schweigen-Bringen der als heilig erachteten weiblichen Weisheit, wie sie von der Gorgone Medusa verkörpert wird. Allgemein formuliert geht es um die Vergewaltigung des Weiblichen in einer patriarchalen Kultur.“ (S. 62) Kurz: Auf DEN Punkt gebracht!

Es gälte noch auf vieles hinzuweisen, mit dem sich Wirtz in ihrem Buch auseinandersetzt, etwa auf die Pseudoversöhnung, die heute vielfach praktiziert wird und zu Selbstentfremdung und Fragmentierung, statt zu Integration und Heilung führt (S. 141). Auch die Dialektik von individueller wie kollektiver Opferschaft und Täterschaft, die zu so vielen Missverständnissen und Feindschaften führt, ist ein wesentlicher Hinweis auf eine not-wendende innere Arbeit und ein Hinweis darauf, was es braucht, um ein friedliches Miteinander in der Welt zu gestalten. Hierzu gehört auch das transgenerationale Erbe, das, wenn es uns nicht bewusst wird, sich weiter fortpflanzt und selbstähnliche Gegebenheiten erzeugt, welche wiederum selbstähnliche psychische Strukturen hinterlassen.

Alles in allem ein sehr lesenswertes und obendrein auch noch sehr spannendes Buch, das ich nur empfehlen kann. Ein wichtiges Buch, das entscheidende Wege zum individuellen und kollektiven Frieden aufzeigt.

Doris Wolf: Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit und was daraus geworden ist

Doris Wolf: Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit und was daraus geworden ist

Rezension: Doris Wolf: Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit und was daraus geworden ist… (29.01.2019)

Fundierte und Not-wendige Patriarchatskritik!

Es ist fast unglaublich, wie vehement die Annahme eines matrizentrischen Zeitalters von der herrschenden patriarchalen Wissenschaft zurückgewiesen wird. Mit vielen Zitaten und Beispielen verweist Doris Wolf auf diese Zurückweisungen, die sich jedoch keinesfalls als wissenschaftlich ernst zu nehmende Argumentationen gestalten. Sie zeigen sich hingegen durchgängig als emotional gefärbte und herablassende Abwertungen der Ergebnisse der Matriarchatsforschung und halten vehement an den einmal festgelegten patriarchalen Mustern fest, etwa, dass die Steinzeit eine Zeit der Jäger gewesen sei, obwohl es fundierte Ergebnisse dafür gibt, die dagegen sprechen.

Das Verleugnen und Verschweigen einer unglaublich langen Epoche, die aller Wahrscheinlichkeit nach äußerst naturverbunden und wertschätzend sowie von einer friedlichen menschlichen Gemeinschaft getragen war, zeugt von der Macht patrizentrischer Ideologie, die sich anmaßt, alles besser zu wissen, alles beherrschen und besitzen zu müssen, während alles Andere sowie die weiblichen Werte und insbesondere das weibliche Geschlecht ausgegrenzt und unterdrückt, und wie uns die Geschichte zeigt, ermordet wird.

Während der gesamten patriarchalen Epoche wurde und wird Mutter Erde, wie wir unseren Planeten auch heute immer noch nennen, ausgebeutet und vergewaltigt, während sie in der matrizentrischen Phase geachtet und als Gottheit verehrt wurde. Am Beispiel der weltweit gefundenen Figurinen von Göttinnen, die in der klassischen Archäologie verfälschend als „Venus“ bezeichnet werden, wird greifbar, dass die Frau und Mutter in der Steinzeit als eine das Leben schenkende und mit Nahrung versorgende geehrt wurde. Für den herrschenden Kriegs-, Macht- und Gewaltpatrizentrismus unserer Tage kaum denkbar.

Umso nachvollziehbarer ist die Entstehung brutaler Gewaltherrschaften und Kriege seit der Durchsetzung des Monotheismus, einer Projektion des Mannes in den allmächtigen Vatergott im Himmel bzw. im Jenseits, der keine anderen Götter und erst recht keine Göttinnen neben sich duldet. Im Alten Testament der Bibel kann jedeR nachlesen, was mit den matrizentrischen Kulturen geschah, wie sie überfallen, ermordet und überwältigt wurden (z.B.: 1. Könige, 3. Mose). Dies selbstähnlich zur Ausrottung und Unterdrückung indigener Völker auf der ganzen Welt im Namen des Herrn und ebenso selbstähnlich zur Folterung, Vergewaltigung und Ermordung von Millionen Mädchen und Frauen im ausgehenden Mittelalter und der Neuzeit. In meinem Buch Non est deus. Der Narr und das Ich. Über das syphilitische Bewusstsein der Neuzeit gehe ich auch darauf ein.

Wolf schreibt: „Dass jegliche kriegerischen Hinweise aus der Zeit der Darstellungen nackter Göttinnen fehlen, fällt den entrüsteten WissenschaftlerInnen keineswegs positiv auf; was sie empört sind nicht die Kriege, das obszöne Blutvergießen der relativ kurzen, rund 5000 Jahre dauernden patriarchalen Zeit, sondern die Nacktheit der weiblichen Statuetten, aus der Zeit vor dem Patriarchat, also aus den Jahrhunderttausenden des Friedens, der matriarchalen Zeit der Urgeschichte.“ (S. 84)

Ein weiteres Beispiel dafür, inwiefern der patriarchale Blick fokussiert, ja fixiert und damit eingeengt nur Teilaspekte wahrzunehmen vermag, aber nicht das Ganze.

Ein großartiges Buch, das uns gerade heute so viel zu sagen hat! Doris Wolf gilt mein herzlicher Dank. Besonders gut gefallen hat mir der Heilige Zorn, von dem das Buch getragen, aus dem heraus es möglicherweise sogar geschrieben ist.

Ronald Engert: Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts. Band 1

Ronald Engert: Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts

Rezension (20.Nov. 2018) Ronald Engert: Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts. Band 1

Spannende Beiträge zu Philosophie und Spiritualität

In diesem spannenden Buch hat Ronald Engert seine Aufsätze, die in der Zeitschrift Tattva Viveka von 1994 bis 2007 erschienen, veröffentlicht. Die Philosophie des Subjekts ist, so Engert, der rote Faden, der sich durch die Aufsätze zieht. Denn: „Das Subjekt braucht einen absoluten Ort, um sich und seine Relation zu bestimmen. Der absolute Ort ist die feste Position, an der wir uns ausrichten können und von der aus wir fließen können. Dieser Ort ist eine reine Objektivität, von der aus sich das Subjekt konstituiert.“ Mit diesem absoluten Ort ist Gott / Göttin oder das Göttliche gemeint.

Die spirituelle Suche und Sinnfindung unserer Zeit, die von den konfessionellen religiösen Konzepten und Gottesbildern nicht mehr ausreichend getragen ist, führt häufig in Richtungen, in denen das Absolute nicht erkannt werden kann und sich der einzelne Mensch bloß in weiteren Ideologien, fortgesetzter Ichhaftigkeit und Machtmissbrauch verstrickt.

Engerts Philosophie zielt auf die Sinnhaftigkeit, die hinter den vordergründigen ideologischen Konzepten liegt, welche oftmals zu Trennung, Missverständnissen, ja Ausbeutung und Kriegen führen, gerade auch im Hinblick auf die traditionellen monotheistischen Religionen. Engert erläutert die spirituellen Sinnfragen vor dem Hintergrund der Veden, die als älteste Weisheitsliteratur der Menschheit nicht nur die wesentlichen Seinsfragen stellen, sondern auch Antworten darauf finden. Und zwar Antworten, die im Grunde jeder Mystik und Religion zu finden sind, wobei es weniger um eine denkende, als vielmehr um eine intuitive geistige Erkenntnis geht.

Den Beitrag Omnia videns – Zur Sprachtheorie der Kabbala, die von ganz anderen Hintergründen der Sprachen ausgeht als die akademische Sprachwissenschaft, finde ich äußerst interessant. Demnach haben viele Wörter allein aufgrund ihrer Konsonanten eine gemeinsame Wurzel und es gibt so etwas wie eine Ursprache. Hier ist von der genetischen Sprachwissenschaft die Rede, die nach dem Wesen der Laute und Worte schaut. Buchstaben sind nicht einfach nur beliebige Zeichen, die man zusammensetzen muss, um ein Wort zu bilden, sondern sie haben einen tiefer gehenden Sinn.

Auch die Übereinstimmungen der Bhagavad-gita mit Platons Ideen – Platon und die Bhagavad-gita – sind sehr lesenswert und zeugen von einem spirituellen Hintergrund, der letztlich für östliche wie westliche Weisheitslehren steht.

Ungeheuerlich der Beitrag über Viktor Schaubergers Entdeckung der Levitationskraft oder auch der Aufsatz über das Bewusstsein der Maschinen – Gotthard Günther, der Philosoph der Kybernetik – eine grundlegende Untersuchung zur Frage der Reflexion und der Subjektivität – oder die Bemerkungen zum 11. September und dem Terror der westlichen Welt – Eine ideologiekritische Analyse zu den Anschlägen auf das World Trade Center und den Kriegen der USA.

In seinem Beitrag zu Henri Bergsons Kritik des Intellekts, der mir besonders gut gefallen hat, wird über die Zerstückelung der Zeit und des Raumes berichtet, die vom Intellekt ausgeht, jener Instanz, welche die Ich-Struktur des Menschen markiert, aus der aber ein ganzheitliches Wahrnehmen der Wirklichkeit nicht möglich ist, eben weil die intellektuelle und Ich-orientierte Sichtweise nur Ausschnitte wahrzunehmen imstande ist. Erst dann, wenn der zerstückelte Raum und die lineare und ebenfalls zerstückelte Zeit in ihrer Qualität verstanden wird, kommt es zu dem, was Bergson mit der Dauer meint: „Im Tiefsten unserer selbst suchen wir den Punkt, wo wir uns unserem eigenen Leben innerlich nahe fühlen. Es ist die reine Dauer, in welche wir so zurücktauchen.“ (Bergson) Das Gefühl der Dauer ist das „Zusammenfallen unseres Ichs mit sich selbst.“ (Bergson)

So folger Engert: „Ins Innere des Werdens gelangt man nicht mittels des Intellekts oder der Wissenschaft, sondern durch Sympathie. Die reale Zeit ist Zeugung, nicht Länge. Eine neue Philosophie muss an die Erfahrung anknüpfen. Eine Erfahrung, die vom Intellekt gelöst ist und sich in der Zeit entfaltet, nicht zeitlos.“ Und er zitiert Bergson: „…jenseits der verräumlichten Zeit, in der wir fortgesetzte Umlagerungen von Teilen wahrzunehmen meinen, sucht sie einzig die konkrete Dauer, in der sich ein radikales Neuwerden des Ganzen ohne Unterlass vollzieht. Sie folgt dem Wirklichen in all seinen Krümmungen.“

Es bleibt spannend und ich freue mich auf den zweiten Band. Dem Autor und Chefredakteur der Tattva Viveka alles Wahre, Schöne und Gute.

Roland Ropers: Rückkehr zum inneren Universum

Roland Ropers: Rückkehr zum inneren Universum

In seinem Beitrag Rückkehr zum inneren Universum verweist Roland Ropers auf den Ursprung aller Religionen in unserem Inneren. Das Heil ist nicht im Paradies oder einem wie auch immer gearteten Jenseits in der Zukunft zu finden, sondern in den geistigen Wurzeln unseres Menschseins, in unserem ursprünglichen Seinsgrund, dem unsterblichen Teil unseres Lebens. Angesichts der materialistischen Prägung unserer gegenwärtigen Epoche haben wir uns auf die äußere Realität, auf das bereits Bewirkte, konzentriert und spezialisiert, und uns dabei mehr und mehr von unserer inneren Wirklichkeit entfernt oder gar gänzlich abgeschnitten, die ein Bewirkendes ist. Nicht unser geistiger oder göttlicher Urgrund ist es, an dem wir uns orientieren, sondern unser mit Raum und Zeit identifiziertes vergängliches Ich, das uns zur Identität geworden ist.

Ein Ziel des mystischen Weges ist es, zu erkennen, dass es diese vordergründige Identität des Ich nicht gibt. Wir sind nicht unser Ich. Unter oder hinter unserem Ich liegt unser eigentliches Wesen, unsere wahre Identität, die mit dem Göttlichen verbunden ist. Sie wird uns gewahr, wenn wir in der Raum- und Zeitfreiheit präsent sind. „Mystik ist ein Weg in die Erfahrung einer non-dualen Wirklichkeit und damit in eine große Freiheit“, so Ropers.

Ropers spricht von den tieferen Dimensionen der Spiritualität im Urgrund der Menschen, die über die religiösen Konfessionen erhaben sind. In ihnen verläuft ein dynamischer und harmonischer Prozess, der alle konfessionellen Unterschiede auflöst und letztlich unser aller großes Friedenspotenzial in der Welt bedeutet. Aus diesem Urgrund heraus ist noch kein Krieg geführt, kein Verbrechen verübt worden, wohl aber im Namen verschiedener religiöser Konfessionen.

Gott, sei es der jüdische, der christliche, der muslimische oder welcher Konfession er auch immer angehören mag, ist lediglich eine menschliche Vorstellung, ein Bild, eine Projektion des menschlichen Ich, die aufgegeben werden muss, denn unser innerstes Universum, unser innerster Wesenskern, ist nicht als mythologische Bilderwelt und auch nicht als gedachte abstrakte Welt wahrnehmbar. Er ist vielmehr durch eine wache, absichtsfreie geistige Präsenz erfahrbar, die sich uns als unmittelbare Wahrnehmung von Gegenwart erschließt.

Der Mensch als geistiges Wesen soll das Göttliche deshalb nicht in einem Jenseits suchen, sondern ganz konkret in seiner irdischen diesseitigen Existenz. Es soll ihm in allem, was ist präsent werden. Dazu ist es notwendig, dass er die Dualismen auflöst und sich eine wertfreie Sicht auf das Ganze erschließt, in der Körper, Seele und Geist integriert sind und ein Ganzes bilden, das mit der Ganzheit des Universums verbunden ist.

Im Grunde sind wir alle heilig, ganz, nur dass es uns zunächst nicht bewusst ist. Hier ist der einzelne Mensch in seiner Selbstverantwortung gefordert, seinen Weg in sein innerstes Heiligtum zu finden. „Der Weg dorthin führt über die Bewusstwerdung des Seins, der kosmischen Wirklichkeit“, so Ropers. Dass dies nicht nur auf eine dringend gebotene Weiterentwicklung im christlichen Heilsverständnis verweist, sondern auch im Einklang mit östlichen Weisheitstraditionen und mystischen Traditionen der abendländischen Geschichte steht, darauf verweist Ropers immer wieder, indem er zahlreiche Mystiker und Weise zitiert, deren Essenz stets das allumfassende Mysterium ist, in das sich der Mensch integrieren soll.

Die Beiträge von Helga Simon-Wagenbach, Christiane May-Ropers, Christina Kessler und Dorothea J. May geben uns praktische Hinweise und Anleitungen, wie wir den mystischen Weg in unseren Alltag integrieren können und legen dar, dass er keinesfalls ungewöhnlich oder besonders schwer gangbar ist, wie viele denken. Spirituelle Erfahrungen sollen gerade heute jedem Menschen offen stehen, denn sie öffnen auch die inneren Sinne, mit denen wir uns selbst besser wahr-nehmen, aber auch andere Menschen tiefer verstehen können.

Helga Simon-Wagenbach gibt in ihrem Beitrag Zukunft beginnt jetzt – Mystik ist der Weg hierfür praktische und einfach nachvollziehbare Beispiele aus dem Yoga, wobei der Atem die wesentlichen Verbindungen zwischen Körper, Psyche und denkendem Geist darstellt.

Christiane May-Ropers´ Aufmerksamkeit gilt ganz der Bewegung im Gleichgewicht als der Urkraft des Lebendigen. In ihrem Beitrag Der Klang unseres Körpers erklärt sie die Bedeutung von Nowo Balance, einer sehr einfühlsamen und ganzheitlichen Bewegungstherapie, bei der die Schwingungen in Körper, Psyche und Geist in die Aufmerksamkeit genommen werden. Diese werden nach dem Resonanzprinzip auch gezielt zur Heilung eingesetzt, eine Maßnahme, die auch auf die Emotionen verändernd bzw. heilend wirkt, da auch sie in ganz bestimmten Frequenzen schwingen.

Christina Kessler hat in ihren langjährigen Studien zum Kulturvergleich eine universale Metastruktur entdeckt, die sie in ihrem Beitrag Mystik in den Alltag bringen. Entmystifizierte Mystik den Universellen Prozess nennt. „Der universelle Prozess führt zur Einsicht in die inneren Zusammenhänge der Wirklichkeit und daher zu außerordentlicher Entscheidungs- und Handlungskompetenz. Von anthropologischer Seite kann er einen Beitrag zum Durchbruch in ein neues Paradigma leisten – in ein Paradigma des Lebendigen, ein Paradigma der kreativen Kooperation“, so Kessler. Dabei beschreibt sie das Paradigma der westlichen Zivilisation als patriarchalisches Wertesystem, das auf dem rationalen Denken beruht, welches trennend und nicht kokreativ ist und den Menschen in der äußeren materiellen Welt belässt, statt ihm Zugang zum Weltinnenraum, wie Rilke ihn nannte, zu ermöglichen. Hierzu braucht es eine Mystik, die von allen Menschen gelebt werden kann, eine Herzensbildung, um sich mit dem Universellen Lebensprozess zu verbinden. Aus diesem Grund ist es entscheidend, das Ego zu überwinden, damit sich unser innerer Wesenskern, der gleichzeitig Wesensgrund der Menschheit wie des Universums ist, mit dem Ganzen verbinden kann. Mit ihren zehn Spielregeln gibt uns Kessler einen Leitfaden mit auf den Weg, der uns hilft die Struktur des Universellen Prozesses im Alltag umzusetzen.

Der Beitrag In einem Meer von Liebe von Dorothea J. May rundet dieses schöne und angenehm zu lesende Buch schließlich ab. Auch sie bedauert, dass wir immer noch vorwiegend im alten mechanistischen Weltverständnis verhaftet sind und die erkenntnistheoretischen Konsequenzen der Quantenphysik selbst nach hundert Jahren nach wie vor nicht integriert haben.

In diesem Sinne weist das Buch einen gangbaren Weg aus dem momentan wütenden Chaos der äußeren Welt in jenes tiefe Innere in uns selbst, das wir auf dem mystischen Weg entdecken und leben können. Nur über dieses Innerste in uns ist ein ganzheitliches Verständnis möglich, das die Welt nicht mehr sektorhaft und zerteilt wahrnimmt. Das Ganze zu durchschauen gelingt nur, wenn wir unser Ich überwinden.

Nadja Murad: Ich bin eure Stimme

Nadja Murad: Ich bin eure Stimme

Rezension 23.10.2018:Nadja Murad: Ich bin eure Stimme

Ihre Stimme wurde gehört!

Die brutalen Exzesse der Neuzeit gegen alles Andersartige und insbesondere gegen die von der Katholischen Kirche verteufelte Sexualität und das Weibliche bzw. gegen Mädchen und Frauen wiederholen sich bis heute in den kriegerischen Auseinandersetzungen in der ganzen Welt auf selbstähnliche Weise, insbesondere die sexuellen Gewalttaten an Mädchen und Frauen etwa in der arabischen Welt und in weiten Teilen Afrikas. Dabei steht heute wie damals eine Ideologie im Vordergrund, die mit äußerster Macht und Grausamkeit durchgesetzt werden soll. Die „heiligen“ Schriften werden dazu wie gehabt nach patriarchalen Interessen ausgelegt und gedeutet.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Jesidin Nadia Murad hat mich deshalb zutiefst berührt. Sie ist eine Überlebende der unglaublichen vor allem sexuellen Gewalt, die Mädchen und Frauen durch den Islamischen Staat erfahren haben und erfahren. Diese 25-jährige äußerst mutige Frau setzt sich als UN-Sonderbotschafterin für jesidische Mädchen und Frauen ein und leiht ihnen ihre Stimme. Sie ist gehört worden! Dass das geschehen konnte, ist ein gutes Zeichen, weil es uns zeigt, dass Veränderung möglich ist.

Murad beschreibt detailliert die brutale Vorgehensweise der Terrormiliz, die durch Fanatismus und Arroganz und den Einsatz von Gewalt, alle, die sich ihrer Ideologie nicht unterordnen oder widersetzen bestraft oder tötet. In Murads Schilderungen wird auch sehr deutlich, was in den Seelen der Opfer geschieht und wie lange es dauert, bis Frauen, die so etwas erlebt und überlebt haben, wieder fähig sind ein halbwegs normales Leben zu führen, wenn das überhaupt geht. Ich bin Nadia Murad sehr dankbar für ihren Mut, ihren Einsatz und nicht zuletzt für ihr unglaubliches Durchstehen dessen, was sie in ihrem Buch schildert. Eine große Frau, die den Friedensnobelpreis absolut verdient hat.

Kristin Helberg: Der Syrienkrieg. Lösung eines Weltkonflikts

Kristin Helberg: Der Syrienkrieg. Lösung eines Weltkonflikts

Rezension (30.10.2018): Kristin Helberg: Der Syrienkrieg. Lösung eines Weltkonflikts

Selbstähnliche Wiederholung patriarchaler Macht- und Gewaltpolitik

Kristin Helberg analysiert die äußerst komplexen Hintergründe des Syrien-Krieges, den sie letztlich als Weltkonflikt versteht und als „symptomatisch für eine neue Welt-Unordnung“ sieht: „Die Welt ist durcheinandergeraten, und wir haben noch nicht die Mittel gefunden, sie neu zu sortieren. Der Syrien-Krieg ist der erste Konflikt, der diese Tatsache schonungslos offenbart. Er ist das Symptom einer neuen Weltordnung.“

Denn was in Syrien geschieht, geschieht tendenziell weltweit, wobei vor allem nationale Interessen im Vordergrund stehen und internationale Vereinbarungen und Regelungen nicht mehr greifen. „Was in Syrien passiert, ist das Ergebnis eines Totalversagens der internationalen Gemeinschaft – ihrer Institutionen, Regierungen und Gesellschaften.“ Oder an anderer Stelle: „Der Syrien-Krieg hat internationale Strukturen geschwächt. Da bisherige Regeln, Institutionen und Mechanismen in Syrien nichts bewirkt haben, ist der Glaube an dieses Ordnungssystem und an eine multinationale Zusammenarbeit generell erschüttert. Welcher Machthaber fühlt sich heute noch der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verpflichtet, den UN-Konventionen gegen Folter, Verschwindenlassen und Völkermord? Selbst die Genfer Konventionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg Regeln für den Krieg aufstellte und von allen Staaten anerkannt wird, ist zum Treppenwitz der Geschichte verkommen. Verletzte, Krankenhäuser und medizinisches Personal müssen von den Kriegsparteien geschützt werden? Zivilisten und zivile Objekte dürfen nicht angegriffen werden? Schön wäre es. Nachdem genau diese Völkerrechtsbrüche in Syrien alltäglich geworden sind, werden sie sich andernorts wiederholen.“

Helberg nennt Täter und Opfer beim Namen und macht deutlich, mit welcher Gewalt das Assad-Regime gegen seine Kritiker und Gegner vorgegangen ist und noch vorgeht und wie viel Leid dabei erzeugt wurde. Städte wurden zerstört, Menschen verfolgt, gefoltert, vergewaltigt, ermordet. Schwer traumatisiert oder vom Regime verfolgt mussten viele Syrer flüchten, um zu überleben und die internationalen Institutionen haben nicht wirklich Einfluss auf eine Beendigung des Krieges genommen bzw. auf die Auflösung des Assad-Regimes hinwirken können.

Anders als beispielsweise im Vietnam-Krieg hat es hinsichtlich des Syrien-Krieges weltweit wenig Proteste gegeben, was vor allem zulasten der immer oberflächlicher werdenden und wenig objektiven, dafür aber manipulativen Presseberichte geht. Wie kann es sein, dass die Welt nicht aufschreit ob einer solchen brutalen Gewalt und Unterdrückung, ob der religiösen Fanatismen und der hinter allen äußeren Erscheinungen dieses entsetzlichen Krieges steckenden Wirtschafts- und Machtinteressen?

Wenn der Fall Syrien symptomatisch für die momentan gegebene Weltordnung bzw. -Unordnung ist, weist dies darauf hin, dass es so nicht weitergehen darf.

Im letzten Kapitel ihres Buches nennt Helberg sieben wesentliche Kriterien für den Umgang mit Syrien, indem die Staaten eben keine Geschäfte mit Syrien mehr betreiben, den Machthaber ächten bzw. die Kriegsverbrecher strafrechtlich verfolgen, ziviles Engagement fördern und den verfolgten Syrern humanitäre Hilfe zukommen lassen bzw. Geflüchtete im eigenen Land integrieren und ihnen beistehen. Besonders gut hat mir die diplomatische Empfehlung Helbergs gefallen, indem statt auf Verteidigung und Vernichtung auf Ausgleich und Entspannung gesetzt wird: „Die egoistisch und nationalistisch agierenden Machthaber der Region davon überzeugen, dass eine Annäherung an jahrzehntealte Erzfeinde im eigenen Interesse ist – darin besteht die eigentliche diplomatische Herkulesaufgabe zur Beilegung des Syrien-Kriegs. Tel Aviv, Teheran, Riad und Ankara müssen erkennen, dass die Kriege im Jemen, in Syrien und gegen die PKK und ihre Ableger sowie Aufrüstung und Atomprogramme viel Geld verschlingen, das man für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes oder die Versorgung der Bevölkerung besser einsetzen könnte. Und dass sich dies innerpolitisch lohnt.“

Ein sehr lesenswertes Buch für diejenigen, die sich auch über die komplexen Hintergründe informieren möchten.

Joachim Ernst Berendt: Das dritte Ohr. Vom Hören der Welt.

Joachim Ernst Berendt: Das dritte Ohr. Vom Hören der Welt.

Rezension: Joachim Ernst Berendt: Das dritte Ohr. Vom Hören der Welt. 2008, überarbeitete Ausgabe des Taschenbuches von 1988

Vom Klang der kosmischen Harmonie

Berendts außerordentliches Buch über das Hören ist sehr persönlich inspiriert. Es werden zwar eine Reihe von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Studien aufgeführt, aber wir haben es nicht mit einem wissenschaftlichen Buch zu tun, was Berendt ausdrücklich betont. Hingegen lesen wir ein sehr spannendes, inspirierendes und mit vielen Beispielen und Analogien angereichertes Buch über eine Sinnestätigkeit, der wir ständig ausgesetzt sind, die wir aber in unserer rationalen, patriarchalen Welt, in der wir die Dinge fokussieren und damit vereinzeln, kaum wertschätzen. Für uns steht das Sehen im Vordergrund, eine Sinnestätigkeit, die nicht wie das Hören nach innen, sondern nach außen gerichtet ist. Mit dieser Richtungsbetonung erklärt Berendt die Yin- bzw. Yangbetontheit der beiden Sinnestätigkeiten des Hörens bzw. des Sehens.

Besonders erfreut war ich, in Berendt einen Gebser-Kenner zu entdecken. Er erwähnt den Kulturphilosophen und Bewusstseinsforscher Jean Gebser mehrfach und die Schlussfolgerungen, die Berendt insbesondere im Hinblick auf ein sich anbahnendes neues Bewusstsein zieht, sind an Gebsers Werk orientiert. Diesbezüglich spricht Berendt auch von defizienten Zeichen, die darauf hinweisen, dass sich unser auf das Außen der Dinge bezogene rationale und männlich dominante Bewusstsein allmählich einem intensiveren Bewusstsein öffnet, welches den weiblichen Aspekten des Daseins nicht mehr feindlich gegenüber steht und sich dem Inneren zuwendet. So spricht er etwa vom „Lärm als hörbarem Müll“ (S. 148) und davon, dass der „sehende Mensch“ diesen Lärm macht, der „verliebt in Explosionen“ ist (S. 160). „Der Mensch des 20. Jahrhunderts ist in neurotischer Weise auf Explosionen fixiert. Neurosen schlagen in Aggressivität um. Aggressivität will Waffen. Nicht zufällig kulminiert diese Fixierung in der Atombombe, die doch anders denn als Fixierung gar nicht erklärbar ist. Die Aggressivität der Atombombe ist die des optisch hypertrophen – sich ständig über sich selbst und die Welt täuschenden Menschen.“ (S. 161)

Mit dem Öffnen bzw. sich öffnen nach innen, mit dem Hören und Zuhören, können wir uns den inneren Wesenskräften und dem Weiblichen in uns wieder öffnen, so dass die seit Jahrhunderten unterdrückten polaren Kräfte in unseren Seelen heute eine neue Chance haben und uns damit in ein ganzheitlich wahrnehmendes und intensiveres Bewusstsein führen, welches Jean Gebser als das integrale Bewusstsein bezeichnete.

Mit einer Fülle an interessanten Beispielen aus den verschiedensten Bereichen, etwa der Quantenphysik, der Architektur, den Proportionen in der Natur, die sich in harmonikalen Intervallen ergänzen, verweist Berendt immer wieder auf den Klang, jene kosmische Harmonie, die in allem widergespiegelt ist. Ein sehr anregendes, spannendes, leicht zu lesendes und empfehlenswertes Buch.