Roland Ropers: Rückkehr zum inneren Universum

Roland Ropers: Rückkehr zum inneren Universum

In seinem Beitrag Rückkehr zum inneren Universum verweist Roland Ropers auf den Ursprung aller Religionen in unserem Inneren. Das Heil ist nicht im Paradies oder einem wie auch immer gearteten Jenseits in der Zukunft zu finden, sondern in den geistigen Wurzeln unseres Menschseins, in unserem ursprünglichen Seinsgrund, dem unsterblichen Teil unseres Lebens. Angesichts der materialistischen Prägung unserer gegenwärtigen Epoche haben wir uns auf die äußere Realität, auf das bereits Bewirkte, konzentriert und spezialisiert, und uns dabei mehr und mehr von unserer inneren Wirklichkeit entfernt oder gar gänzlich abgeschnitten, die ein Bewirkendes ist. Nicht unser geistiger oder göttlicher Urgrund ist es, an dem wir uns orientieren, sondern unser mit Raum und Zeit identifiziertes vergängliches Ich, das uns zur Identität geworden ist.

Ein Ziel des mystischen Weges ist es, zu erkennen, dass es diese vordergründige Identität des Ich nicht gibt. Wir sind nicht unser Ich. Unter oder hinter unserem Ich liegt unser eigentliches Wesen, unsere wahre Identität, die mit dem Göttlichen verbunden ist. Sie wird uns gewahr, wenn wir in der Raum- und Zeitfreiheit präsent sind. „Mystik ist ein Weg in die Erfahrung einer non-dualen Wirklichkeit und damit in eine große Freiheit“, so Ropers.

Ropers spricht von den tieferen Dimensionen der Spiritualität im Urgrund der Menschen, die über die religiösen Konfessionen erhaben sind. In ihnen verläuft ein dynamischer und harmonischer Prozess, der alle konfessionellen Unterschiede auflöst und letztlich unser aller großes Friedenspotenzial in der Welt bedeutet. Aus diesem Urgrund heraus ist noch kein Krieg geführt, kein Verbrechen verübt worden, wohl aber im Namen verschiedener religiöser Konfessionen.

Gott, sei es der jüdische, der christliche, der muslimische oder welcher Konfession er auch immer angehören mag, ist lediglich eine menschliche Vorstellung, ein Bild, eine Projektion des menschlichen Ich, die aufgegeben werden muss, denn unser innerstes Universum, unser innerster Wesenskern, ist nicht als mythologische Bilderwelt und auch nicht als gedachte abstrakte Welt wahrnehmbar. Er ist vielmehr durch eine wache, absichtsfreie geistige Präsenz erfahrbar, die sich uns als unmittelbare Wahrnehmung von Gegenwart erschließt.

Der Mensch als geistiges Wesen soll das Göttliche deshalb nicht in einem Jenseits suchen, sondern ganz konkret in seiner irdischen diesseitigen Existenz. Es soll ihm in allem, was ist präsent werden. Dazu ist es notwendig, dass er die Dualismen auflöst und sich eine wertfreie Sicht auf das Ganze erschließt, in der Körper, Seele und Geist integriert sind und ein Ganzes bilden, das mit der Ganzheit des Universums verbunden ist.

Im Grunde sind wir alle heilig, ganz, nur dass es uns zunächst nicht bewusst ist. Hier ist der einzelne Mensch in seiner Selbstverantwortung gefordert, seinen Weg in sein innerstes Heiligtum zu finden. „Der Weg dorthin führt über die Bewusstwerdung des Seins, der kosmischen Wirklichkeit“, so Ropers. Dass dies nicht nur auf eine dringend gebotene Weiterentwicklung im christlichen Heilsverständnis verweist, sondern auch im Einklang mit östlichen Weisheitstraditionen und mystischen Traditionen der abendländischen Geschichte steht, darauf verweist Ropers immer wieder, indem er zahlreiche Mystiker und Weise zitiert, deren Essenz stets das allumfassende Mysterium ist, in das sich der Mensch integrieren soll.

Die Beiträge von Helga Simon-Wagenbach, Christiane May-Ropers, Christina Kessler und Dorothea J. May geben uns praktische Hinweise und Anleitungen, wie wir den mystischen Weg in unseren Alltag integrieren können und legen dar, dass er keinesfalls ungewöhnlich oder besonders schwer gangbar ist, wie viele denken. Spirituelle Erfahrungen sollen gerade heute jedem Menschen offen stehen, denn sie öffnen auch die inneren Sinne, mit denen wir uns selbst besser wahr-nehmen, aber auch andere Menschen tiefer verstehen können.

Helga Simon-Wagenbach gibt in ihrem Beitrag Zukunft beginnt jetzt – Mystik ist der Weg hierfür praktische und einfach nachvollziehbare Beispiele aus dem Yoga, wobei der Atem die wesentlichen Verbindungen zwischen Körper, Psyche und denkendem Geist darstellt.

Christiane May-Ropers´ Aufmerksamkeit gilt ganz der Bewegung im Gleichgewicht als der Urkraft des Lebendigen. In ihrem Beitrag Der Klang unseres Körpers erklärt sie die Bedeutung von Nowo Balance, einer sehr einfühlsamen und ganzheitlichen Bewegungstherapie, bei der die Schwingungen in Körper, Psyche und Geist in die Aufmerksamkeit genommen werden. Diese werden nach dem Resonanzprinzip auch gezielt zur Heilung eingesetzt, eine Maßnahme, die auch auf die Emotionen verändernd bzw. heilend wirkt, da auch sie in ganz bestimmten Frequenzen schwingen.

Christina Kessler hat in ihren langjährigen Studien zum Kulturvergleich eine universale Metastruktur entdeckt, die sie in ihrem Beitrag Mystik in den Alltag bringen. Entmystifizierte Mystik den Universellen Prozess nennt. „Der universelle Prozess führt zur Einsicht in die inneren Zusammenhänge der Wirklichkeit und daher zu außerordentlicher Entscheidungs- und Handlungskompetenz. Von anthropologischer Seite kann er einen Beitrag zum Durchbruch in ein neues Paradigma leisten – in ein Paradigma des Lebendigen, ein Paradigma der kreativen Kooperation“, so Kessler. Dabei beschreibt sie das Paradigma der westlichen Zivilisation als patriarchalisches Wertesystem, das auf dem rationalen Denken beruht, welches trennend und nicht kokreativ ist und den Menschen in der äußeren materiellen Welt belässt, statt ihm Zugang zum Weltinnenraum, wie Rilke ihn nannte, zu ermöglichen. Hierzu braucht es eine Mystik, die von allen Menschen gelebt werden kann, eine Herzensbildung, um sich mit dem Universellen Lebensprozess zu verbinden. Aus diesem Grund ist es entscheidend, das Ego zu überwinden, damit sich unser innerer Wesenskern, der gleichzeitig Wesensgrund der Menschheit wie des Universums ist, mit dem Ganzen verbinden kann. Mit ihren zehn Spielregeln gibt uns Kessler einen Leitfaden mit auf den Weg, der uns hilft die Struktur des Universellen Prozesses im Alltag umzusetzen.

Der Beitrag In einem Meer von Liebe von Dorothea J. May rundet dieses schöne und angenehm zu lesende Buch schließlich ab. Auch sie bedauert, dass wir immer noch vorwiegend im alten mechanistischen Weltverständnis verhaftet sind und die erkenntnistheoretischen Konsequenzen der Quantenphysik selbst nach hundert Jahren nach wie vor nicht integriert haben.

In diesem Sinne weist das Buch einen gangbaren Weg aus dem momentan wütenden Chaos der äußeren Welt in jenes tiefe Innere in uns selbst, das wir auf dem mystischen Weg entdecken und leben können. Nur über dieses Innerste in uns ist ein ganzheitliches Verständnis möglich, das die Welt nicht mehr sektorhaft und zerteilt wahrnimmt. Das Ganze zu durchschauen gelingt nur, wenn wir unser Ich überwinden.