Die Bewusstseinsstufen nach Jean Gebser

Die Bewusstseinsstufen nach Jean Gebser

… hier ein Ausschnitt aus meinem Buch Wahre Schönheit kommt von innen. Bewusstsein und Tiefe im Synergetischen Heilen. Bd. II, Bernd Joschko Verlag 2006. S. 126-130:

In diesem Hauptwerk Ursprung und Gegenwart entfaltet Jean Gebser eine Gesamtschau der abendländischen Bewusstseinsgeschichte in fünf großen Stufen aus der Perspektive des gegenwärtig sich vollziehenden Bewusstseinswandels und mit Ausblick auf ein kommendes Bewusstsein, welches sich bereits seit langem ankündigt und das alle bisherigen Stufen umfasst: das integrale Bewusstsein.
Vom verborgenen Ursprung ausgehend, der durch alle Stufen hindurch scheint, und in dem bereits alle Entfaltung, alles Wachstum und alle Entwicklung beschlossen liegt, beschreibt er die archaische, die magische, die mythische und die mentale Struktur und schließlich diejenige, sich momentan entfaltende integrale Struktur.

In eindrucksvollen Beispielen aus Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften, Religion und Mythos, Kunst und Literatur, vermag er Licht in das Chaos der Informationen aus Jahrtausenden zu bringen, indem er die Struktur des geistigen Hintergrundes jener Existenzstufen der Menschheitsentwicklung beschreibt.
Diese fünf Stufen, welche die Menschheit im Laufe ihrer Evolution durchlaufen hat, konstituieren auch jeden einzelnen Menschen und werden im Verlauf jeder einzelnen menschlichen Existenz durchlaufen.

Die archaische Struktur

Die archaische Struktur können wir uns als eine Art paradiesischen Zustand vorstellen, in dem der Mensch noch identisch ist mit dem Sein. Er ist noch im Einklang mit dem All, und Innen und Außen sind noch ungeschieden. Vielleicht können wir uns die archaische Struktur so vorstellen wie den Zustand im Mutterleib. Diese Struktur ist dem Ursprung am nächsten. Gebser beschreibt sie als nulldimensional.

Die magische Struktur

Aus diesem Bewusstseinszustand heraus mutiert die magische Struktur, in der das Handeln und Machen bedeutend wird (Magie). Sie bezeichnet einen Zustand des in sich selbst Ruhens. Die Welt ist noch schemenhaft wie bei einem Säugling. In dieser Struktur entfaltet sich ein vitales triebhaftes noch Ich-loses Bewusstsein und bindet den Menschen in die Blutsverwandtschaft einer Sippe, mit der er telepathisch kommuniziert. Sprache ist noch nicht wichtig, vielmehr steht das Hören im Vordergrund. Der Mensch beginnt zu wollen und er lauscht der Natur ihre Geheimnisse ab. Die ersten Werkzeuge entstehen und er bemächtigt sich der Natur und ihren Gesetzen durch Rituale, um sich der Außenwelt bewusst zu werden. Gebser beschreibt diese vorwiegend männlich dominante Struktur als eindimensional und gibt ihr als Zeichen den Punkt.

Die mythische Struktur

Aus der magischen mutiert die vorwiegend weiblich dominante mythische Bewusstseinsstruktur, die den Menschen zur Bewusstwerdung seiner Innenwelt führt. Die mythische Struktur, die Gebser als zweidimensional bezeichnet, und der er das Symbol des Kreises zuordnet, lässt dem Menschen erstmals die Zeit zu Bewusstsein kommen, nämlich die ständig kreisende Naturzeit, die ihm durch den Kreislauf der Gestirne und Jahreszeiten bewusst wird. Der mythische Kreis umfasst die Polaritäten und gleicht sie aus. Weiblich und männlich, Tag und Nacht, Leben und Tod, gehören untrennbar zusammen und bilden die Pole der psychischen Erfahrungswelt des Menschen.
Horchte der magische Mensch in die Außenwelt, so lauscht der mythische Mensch in die Innenwelt, um seine Seele zu erfahren. Und so wie sich der Tag in der Nacht spiegelt, das Männliche im Weiblichen und umgekehrt, so spiegelt sich auch das wortlose Lauschen im tönenden Wort des aussagenden Mythos. Das innen Gehörte und Geschaute wird im Außen hörbar und sichtbar im erzählten und gesprochenen Mythos.
Die mythische Welt ist die Welt der Großen Mutter, aus der alles hervor geht, und in die alles wieder eingeht, um von neuem daraus hervor zu gehen. Diese Welt ist jene, die uns, wenn auch verdeckt, noch aus den Märchen aufscheint und in die wir in unseren Träumen hinabsinken. Es ist jene Welt, in der wir als Kinder zu Hause waren, in der es die Feen noch wirklich gibt und in der uns die Engel begleiten. Es ist die Welt der Göttinnen und Götter, aber auch diejenige der Dämonen und Geister. Es ist die Welt der Bilder und Symbole, in denen sich die Psyche ausdrückt, und die auch im Synergetischen Heilen sehr häufig in Erscheinung tritt.

Die mentale Struktur

Die mythische Welt ist der geistige Hintergrund, das Fundament der aus ihr mutierenden männlich dominanten mentalen Bewusstseinsstufe. Gebser bezeichnet sie als dreidimensional, und gibt ihr als Symbol das Dreieck. Ihre Aufgabe ist die Bewusstwerdung des Raumes, den der Mensch durch die Entdeckung der Perspektive in die sichtbare Darstellung zu bringen vermag.
Hatte sich der mythische Mensch seiner Innenwelt zugewendet, so wendet sich der mentale Mensch nun wieder der Außenwelt zu. Er emanzipiert sich aus der mythischen Gemeinschaft und entdeckt sein Ego als Träger seiner ganz individuellen Handlungskompetenz, die er nun strebend und erobernd in die Welt trägt, um dieser habhaft zu werden. Es ist die Welt des Raumes, die er nun erforscht und analysiert. Die Wissenschaften entstehen und die Gesetzmäßigkeiten der Natur werden erforscht.
Statt der einstigen gänzlichenden Polarität der mythischen Struktur, die in einem Sowohl-Als-Auch den Ausgleich und die Ergänzung der Gegensätze gefunden hatte, tritt in der mentalen Welt ein dualistisches Entweder-Oder in den Vordergrund. Die Dinge und die Welt werden bewertet, gerichtet und bemessen. Nicht die allumfassende Seele, nicht die fühlende, empfindende Psyche und das Miteinander menschlicher Gemeinschaft bestimmen das Leben des mentalen Menschen, sondern das Bewusstsein der Vereinzelung. Statt dem mythischen Imaginieren stehen jetzt Denken und Vorstellen im Vordergrund. Maß und Masse werden bestimmend, Gesetze entstehen, und alle Dinge werden bewertet. Was einst polar-gänzlichend war, zerfällt in der mentalen Welt in streng voneinander getrennte und nicht vereinbare Gegensätze.
Das mentale Bewusstsein ist jenes, das uns wohl am vertrautesten ist. In seiner momentan rückläufigen Phase, die Gebser auch als das rationale Bewusstsein bezeichnet, sorgt es gegenwärtig für ziemlich viel Chaos. Ein Chaos, aus dem sich spürbar und immer deutlicher erkennbar jene neue Mutation entfaltet, die Gebser als das integrale Bewusstsein beschrieben hat.

Die integrale Struktur

Die integrale Struktur entfaltet sich als Durchsichtig-Werden aller bislang mutierten Stufen der geistigen Entfaltung des Menschen. Sie ist nicht als Bewusstseinserweiterung zu verstehen, da eine Erweiterung lediglich eine Erweiterung des Mentalen im Sinne einer Räumlichung bedeuten würde. Der Raum aber ist im Integrat überwunden! Die integrale Stufe stellt vielmehr eine Intensivierung des Bewusstseins im Sinne einer geistigen Wachheit und Klarheit dar, die sich als Wahrnehmen und Wahrgeben des Ganzen zu erkennen gibt.

Durch die synergetische bzw. psychobionische Methode werden die einzelnen von Gebser beschriebenen Mutationen der geistigen Entfaltung des Menschen offenkundig. Da die einzelnen evolutionären Stufen in jedem Menschen präsent sind, öffnen sich uns die verschiedenen Welten über die mythische und magische bis hinab in die archaische Struktur in der Innenwelt. Sie sind hier sogar direkt erlebbar und erfahrbar für uns, so dass wir ihren Charakter erkennen und in unser Bewusstsein integrieren können.
Diese Integration geschieht durch die jeweils momentan wirkende Bewusstseinsstufe, die in der Lage ist, alle ihr inhärenten Stufen als Teile mit unterschiedlichen Ausrichtungen und Eigenschaften zu erkennen. Und diese Erkenntnis erschließt sich uns als eigene Tiefe.
In diesem Sinne steht uns das synergetische bzw. psychobionische Heilen als eine der effektivsten Möglichkeiten zur Verwirklichung des integralen Bewusstseins zur Verfügung.