Kristin Helberg: Der Syrienkrieg. Lösung eines Weltkonflikts

Kristin Helberg: Der Syrienkrieg. Lösung eines Weltkonflikts

Rezension (30.10.2018): Kristin Helberg: Der Syrienkrieg. Lösung eines Weltkonflikts

Selbstähnliche Wiederholung patriarchaler Macht- und Gewaltpolitik

Kristin Helberg analysiert die äußerst komplexen Hintergründe des Syrien-Krieges, den sie letztlich als Weltkonflikt versteht und als „symptomatisch für eine neue Welt-Unordnung“ sieht: „Die Welt ist durcheinandergeraten, und wir haben noch nicht die Mittel gefunden, sie neu zu sortieren. Der Syrien-Krieg ist der erste Konflikt, der diese Tatsache schonungslos offenbart. Er ist das Symptom einer neuen Weltordnung.“

Denn was in Syrien geschieht, geschieht tendenziell weltweit, wobei vor allem nationale Interessen im Vordergrund stehen und internationale Vereinbarungen und Regelungen nicht mehr greifen. „Was in Syrien passiert, ist das Ergebnis eines Totalversagens der internationalen Gemeinschaft – ihrer Institutionen, Regierungen und Gesellschaften.“ Oder an anderer Stelle: „Der Syrien-Krieg hat internationale Strukturen geschwächt. Da bisherige Regeln, Institutionen und Mechanismen in Syrien nichts bewirkt haben, ist der Glaube an dieses Ordnungssystem und an eine multinationale Zusammenarbeit generell erschüttert. Welcher Machthaber fühlt sich heute noch der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verpflichtet, den UN-Konventionen gegen Folter, Verschwindenlassen und Völkermord? Selbst die Genfer Konventionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg Regeln für den Krieg aufstellte und von allen Staaten anerkannt wird, ist zum Treppenwitz der Geschichte verkommen. Verletzte, Krankenhäuser und medizinisches Personal müssen von den Kriegsparteien geschützt werden? Zivilisten und zivile Objekte dürfen nicht angegriffen werden? Schön wäre es. Nachdem genau diese Völkerrechtsbrüche in Syrien alltäglich geworden sind, werden sie sich andernorts wiederholen.“

Helberg nennt Täter und Opfer beim Namen und macht deutlich, mit welcher Gewalt das Assad-Regime gegen seine Kritiker und Gegner vorgegangen ist und noch vorgeht und wie viel Leid dabei erzeugt wurde. Städte wurden zerstört, Menschen verfolgt, gefoltert, vergewaltigt, ermordet. Schwer traumatisiert oder vom Regime verfolgt mussten viele Syrer flüchten, um zu überleben und die internationalen Institutionen haben nicht wirklich Einfluss auf eine Beendigung des Krieges genommen bzw. auf die Auflösung des Assad-Regimes hinwirken können.

Anders als beispielsweise im Vietnam-Krieg hat es hinsichtlich des Syrien-Krieges weltweit wenig Proteste gegeben, was vor allem zulasten der immer oberflächlicher werdenden und wenig objektiven, dafür aber manipulativen Presseberichte geht. Wie kann es sein, dass die Welt nicht aufschreit ob einer solchen brutalen Gewalt und Unterdrückung, ob der religiösen Fanatismen und der hinter allen äußeren Erscheinungen dieses entsetzlichen Krieges steckenden Wirtschafts- und Machtinteressen?

Wenn der Fall Syrien symptomatisch für die momentan gegebene Weltordnung bzw. -Unordnung ist, weist dies darauf hin, dass es so nicht weitergehen darf.

Im letzten Kapitel ihres Buches nennt Helberg sieben wesentliche Kriterien für den Umgang mit Syrien, indem die Staaten eben keine Geschäfte mit Syrien mehr betreiben, den Machthaber ächten bzw. die Kriegsverbrecher strafrechtlich verfolgen, ziviles Engagement fördern und den verfolgten Syrern humanitäre Hilfe zukommen lassen bzw. Geflüchtete im eigenen Land integrieren und ihnen beistehen. Besonders gut hat mir die diplomatische Empfehlung Helbergs gefallen, indem statt auf Verteidigung und Vernichtung auf Ausgleich und Entspannung gesetzt wird: „Die egoistisch und nationalistisch agierenden Machthaber der Region davon überzeugen, dass eine Annäherung an jahrzehntealte Erzfeinde im eigenen Interesse ist – darin besteht die eigentliche diplomatische Herkulesaufgabe zur Beilegung des Syrien-Kriegs. Tel Aviv, Teheran, Riad und Ankara müssen erkennen, dass die Kriege im Jemen, in Syrien und gegen die PKK und ihre Ableger sowie Aufrüstung und Atomprogramme viel Geld verschlingen, das man für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes oder die Versorgung der Bevölkerung besser einsetzen könnte. Und dass sich dies innerpolitisch lohnt.“

Ein sehr lesenswertes Buch für diejenigen, die sich auch über die komplexen Hintergründe informieren möchten.